Über das Sehen - der Bilder von Nicole Schmölzer
Betritt man das Atelier von Nicole Schmölzer, wird man von einer intensiven Helligkeit, die von den grossen im Atelier stehenden Bildern ausgeht, zunächst (fast) geblendet, bis sich das Auge in allmählicher Justierung auf die Lichtfülle einstellt, die von den gelben Pigmenten der Malflächen auf der Netzhaut erregt wird.
Der erste, beständig wiederkehrende Eindruck ist der des Gelben in allen möglichen Erscheinungsweisen, von strahlend lichthaften Gelbtönen, über gedämpfte ockrige Nuancen zu grünlichen und schwefligen Tönen bis zum Erlöschen des Gelb in erdigen Grüns und dunklen Rosarots, in denen noch die kleinste gelbe Zumischung jenes geheimnisvolle innere Leuchten ermöglicht, das den Bildern der Künstlerin insgesamt eigen ist.
In den neuen Bildern von Nicole Schmölzer (stainings 2005/2006) wird das Gelbe, als Eigenschaft der Farbe Gelb, in die anderen Farben des Spektrums hineingewoben, ja der Prozess des Malens ist geradezu ein Vorgang des Webens, Flechtens, Verstrickens und Verschleifens der Farben.
Die Eigenart der Farben, nicht nur des Gelb, sondern auch der anderen meist primär verwendeten, aber durch diese Techniken gebrochenen, buntgetrübten Farbtöne, verändert sich dabei zu pastellartigen, kaum benennbaren Nuancen, die dem Bild eine schwebende, irisierende Gestimmtheit verleihen.
Doch die Farbe Gelb ist nicht das eigentliche Thema der Malerin Nicole Schmölzer, so nah das bei der Betrachtung ihrer Bilder zu liegen scheint, die immer auf der Basis des Gelb in allen möglichen Nuancen entstehen. Die Farbe Gelb steht hier dank ihrer ungemein grossen Elastizität als vermittelndes Element zwischen Materialität und Transparenz, zwischen der umfassenden, durchdringenden Helligkeit der Bilder und ihren darin auftauchenden dunkleren Verdichtungen, die wie Inseln im Meer des Lichts treiben. Entzündet sich das Sehen am Gelben, so wird es gehalten von diesen dunkleren Fleckstrukturen, die auch der neuen Bildserie den Titel «stainings» verleihen. Durch die vielfältig angewandten Techniken des Abschleifens und Abreibens erhalten diese Strukturen eine amorphe Zerrissenheit, die eine festlegende formale Beschreibung erschwert bis unmöglich macht, als wolle man die Form dahintreibender Wolken in nacherzählender Beschreibung wiedergeben.
Die Unbestimmbarkeit der räumlichen Dimensionen, die Ortlosigkeit der fliessenden Konstellationen wird so durch das fliessende Schillern der Farbigkeit des Bildes unterstützt und ergänzt.
Zudem wird der eingehenden Betrachtung durch die Verschmelzung und Durchdringung der verschiedenen Bildschichten und Bildebenen die Fixierung und Verortung der Wahrnehmung verweigert. Der Blick treibt in einem Strom von Strukturen und Gestalten, die sich der festlegenden Beschreibung genauso entziehen wie die Farbwirbel in Turners späten Bildern. Doch im Unterschied zu diesen frühen Vorboten informeller Malerei, baut sich die Malerei von Schmölzer in einer ganz bestimmten Struktur auf, die auf das tätige Sehen des Menschen Bezug nimmt. Das komplexe bildnerische Geschehen ist zwar nicht auf ein erkennbares Oben und Unten, Rechts und Links ausgerichtet, zeigt aber dennoch eine orthogonale, das Bildgeviert sowohl in der Länge wie in der Höhe verbindende, fliessende, treibende Verflechtung der Strukturen. Das Verhältnis dieser Strukturen zu ihrem Bildgrund ist offen, unbestimmt und ihre Positionen austauschbar, jedoch nie beliebig. Es gibt aber immer wieder auch markante Begrenzungen der fliessenden Formationen, die das Sehen der Räumlichkeit und Tiefenbewegung eröffnen und ermöglichen. Das Sehen kommt in dieser Bewegung zu keinem Ende!
Der energetische Prozess des Malens schlägt in jedem Moment der Wahrnehmung um in die unabschliessbare Bewegung des Sehens im Fluss der Farben und Formkonstellationen, im Fluss der dargebotenen, im tätigen Sehen wiederbelebten Zeit (vgl. stainings 37 und 38, je 194 x 164 cm, 2006).
Denn die in mannigfaltigen und meisterhaften Techniken sich ergebenden Verknüpfungs- und Verdichtungsprozesse der Farbe scheinen nur einen Sinn zu haben: das zeitliche Erleben des Momentanen in der Anschauung des Bildes sichtbar zu machen.
Dabei geht es hier nicht um meditative Stimmungen oder gar Gestimmtheiten der Malerin, sondern um die in jedem Zentimeter des Bildes zu spürende scharfe Gespanntheit, helle Aufmerksamkeit und innere Erfülltheit, die dem Betrachter genauso abverlangt wird wie der Malerin beim Entstehen dieser Seh-Werke.
So wird die - vermeintliche inhaltliche - Leere dieser Bilder zu ihrer eigentlichen Fülle: ihre innerste Erfülltheit mit den Wahrnehmungsgestalten des menschlichen Bewusstseins, die zu einer konzentrierten Aussage drängt:
ich lebe hier und jetzt, ich bin präsent und lebendig, ich sehe und erkenne - die Wahrheit der Malerei und die Fülle des Lebens.
Diese über die Wahrnehmung der Bilder von Nicole Schmölzer hinausführende Betrachtung offenbart die Spannbreite der durch diese Bilder ausgelösten möglichen Assoziationen und Gedankengänge.
Die neue Malerei von Nicole Schmölzer ist ja gerade keine Farb-Forschung an kunstimmanenten Problemen, keine «reine Malerei» und erst recht keine «analytische Malerei», die sich ausschliesslich mit den Mitteln der Malerei beschäftigt. Auch der neuere Begriff «Essentielle Malerei» (Bleyl) trifft nicht ganz zu, wenn man Farbe als das Wesentliche der Malerei und die alleinige Auseinandersetzung mit den Problemfeldern der Farbe in der Malerei darunter versteht. Dies würde aber die Malerei von Schmölzer unnötigerweise einschränken. Denn gerade in dem unabschliessbaren tätigen Sehprozess, den diese Bilder auslösen, ent-deckt sich ein erkenntnistheoretischer Grundzug, der mit dem Wort von der «Arbeit an der Malerei» nur unzureichend benannt werden würde.
Aus der von ihr selbst erdachten Methode der Farbflecken und ihrer vielfachen Bearbeitung, die die Wahrnehmung des Bildes erst konstituieren und sie gleichzeitig an ihre Grenzen führen, die Begrenzbarkeit und gleichzeitige Öffnung der Wahrnehmung (und Erkenntnis) erfahrbar machen, entfaltet sich ein vielstimmiges, vielschichtiges Geflecht von Wahrnehmungsgestalten, die gerade in ihrer schwebenden Unbestimmtheit den «Stoff» vorführen, aus dem unser Mensch-Sein «gewebt» ist: Zeit und Veränderung, Werden und Vergehen, Reifung und Zersetzung, sich immer wieder in diesen Kreislauf des Lebens einzufügen, und dies als Chance und Zukunft zu begreifen.
Dr. Hajo Düchting, Diessen im April 2006
(Dr. Hajo Düchting ist Kunsthistoriker und Kunstpublizist. Er hat zahlreiche Publikationen zur Kunst der Moderne, Kunst-und Farbtheorie, sowie Texte für zeitgenössische Künstler verfasst.) |